Rückzugsgebiete für Rentiere

Der Klimawandel verändert die Erde. Erschreckend schnell geschieht dies in der Arktis – mit gravierenden Auswirkungen für deren Bewohner. Das bestätigt der neue WWF-Report „Keine Rentiere – keine Weihnacht“ über Rentiere und den Klimawandel in der Russischen Arktis.

Auf der sibirischen Taimyr-Halbinsel lebt die größte Rentierherde der Welt. Ausgerechnet dort steigen die Temperaturen im Zuge des Klimawandels besonders stark an. Der WWF will gegensteuern und der Art bei der Anpassung helfen. Die Temperatur ist bereits um über 3,5 Grad Celsius gegenüber dem Mittelwert von 1961 bis 1990 angestiegen. Fast jedes Jahr schmilzt der Schnee etwas früher, das beobachten indigene Volksgruppen dort schon seit längerem.

Rentier auf der Roten Liste

Der Klimawandel hat gravierende Folgen für die Rentiere. In den letzten 10 bis 25 Jahren ist die Zahl wilder Rentiere global gesehen von etwa 4,8 auf 2,89 Millionen Tiere im Jahr 2016 eingebrochen – ein Rückgang um 40 Prozent. Die riesige Rentierherde von Taimyr hat es schwer getroffen: Von rund einer Million Tiere im Jahr 2000 sind heute geschätzt noch 380.000 übrig. Das Rentier wurde von der Weltnaturschutzunion IUCN erstmals als „gefährdete Art“ auf die Rote Liste gesetzt.

In den letzten Jahren beobachteten russische WWF-Kollegen immer häufiger, dass die Flüsse bereits aufgetaut sind, wenn die Rentiere nach der Kalbung losziehen. Die Tiere müssen dann durch Kilometer breites Eiswasser schwimmen. Vielen der neu geborenen Jungtieren fehlt dazu die Kraft und sie überleben die Passage nicht.

Klimawandel führt zu Wilderei

Die frühere Schmelze der Flüsse im Frühjahr erleichtert auch Wilderern den Zugang zu den Herden. Sie profitieren von der wachsenden Nachfrage nach Rentierfleisch und dem Geweih der Tiere. Leber und Zunge der Tiere gelten als Delikatesse. In China werden die jungen Geweihe im Bast als Pulver zermahlen und Anhängern Traditioneller Chinesischer Medizin vermutlich als wertvoller Maralhirsch-Geweihextrakt verkauft. Die längere Eisfreiheit der Meereshäfen – noch eine Folge der Erderhitzung – erleichtert den Abtransport von Fleisch und Geweihen in weit entfernte Städte Russlands und Chinas.

Auch die indirekten Auswirkungen des Klimawandels machen den Rentierherden weltweit zu schaffen. Immer mehr Öl- und Gaspipelines, Straßen und Zäune versperren ihnen den Weg zu ihren Nahrungs- und Geburtsgebieten.

Passende Wildnis bereits gefunden

Rentiere zu schützen, ist deshalb eine Herausforderung. Neben dem Kampf gegen die Erderhitzung auf politischer Ebene setzt der WWF vor allem auf die Schaffung sicherer Rückzugsgebiete, die frei sind von Industrie, Wilderei und anderem, modernem menschlichen Einfluss. Denn nur, wenn es Ausweichmöglichkeiten für die Rentiere und die andere arktischen Arten gibt, können sie sich an die Umweltveränderungen anpassen.

Der WWF plant zusammen mit russischen Behörden und Forschern durch Unterstützung der Internationalen Klimaschutzinitiative des Bundesministeriums für Umwelt (BMU) neue Schutzgebiete in der russischen Arktis zu entwickeln und so miteinander zu vernetzen, dass sie der Anpassung der arktischen Tier- und Pflanzenwelt dienen können.

Dazwischen sollen auch Wanderkorridore für die wilden Rentierherden geschaffen werden, um bereits bestehende Schutzgebiete miteinander zu verbinden. Denn je größer und vernetzter eine Rentierpopulation ist, umso widerstandsfähiger und anpassungsfähiger ist sie gegenüber Veränderungen des Lebensraumes. Bei wandernden Tierarten wie den Rentieren ist zudem ein umfassendes Management nötig, um die bis zu 3.000 Kilometer langen Wanderrouten dauerhaft zu sichern.

Indigene Bevölkerung als Partner

Viele indigene Volksgruppen leben von und mit Rentieren. Die Nenzen beispielsweise halten domestizierte Rentiere. Andere Ethnien jagen traditionell wilde Rentiere zur Selbstversorgung. Geht es den Rentieren schlecht, ist auch die Kultur dieser Volksgruppen in Gefahr. Deshalb will der WWF indigene Gruppen in der russischen Arktis dabei unterstützen, ihre Lebensweise an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen. Außerdem sollen die Schutzgebiete den indigenen Bewohnern der Arktis künftig auch Einkommensquellen erschließen.

Forderungen des WWF

1. Der WWF fordert, in der gesamten Arktis unverzüglich Gebiete unter Schutz zu stellen, die auch in Zeiten des Klimawandels als Lebensräume für die Tier- und Pflanzenwelt der Tundra erhalten bleiben.

2. Um noch präziser vorhersagen zu können, welche Landschaften das sein werden, benötigen wir noch genauere Klimaprognosen und -modelle für die Arktis. Die sind außerdem enorm wichtig, um rechtzeitig Industrieprojekten oder anderen Bauvorhaben in der auftauenden Arktis entgegenwirken zu können, die dort großen Schaden anrichten würden.

3. Der Klimawandel ist eine extreme Bedrohung für Rentiere wie für alle arktischen Arten. Deshalb müssen wir sie gerade jetzt vor zusätzlichen Gefahren wie Wilderei und Lebensraumzerstörung schützen und ihnen Rückzugsgebiete zum Überleben sichern.

Bis es soweit ist und die Rückzugsgebiete offiziell sind, müssen wir alles dafür tun, möglichst viele Rentiere zu schützen. Hilf mit deiner Spende.

Unterstütze die Arbeit der Ranger in Russland und rette mit uns zusammen die Rentiere vor den Wilderern.

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