„Wir müssen vorbereitet sein.“

Interview mit Sergey Verkhovec vom WWF Russland

Seit das Eis auf den Flüssen früher schmilzt, müssen die Rentiere auf der Halbinsel Taimyr in der Russischen Arktis bis zur Erschöpfung schwimmen, um ihre Sommerweiden zu erreichen. Sie sind dabei ein leichtes Ziel für Wilderer. Sergey Verkhovec tut was er kann, um die Art zu retten.

Besonders für die Rentierkälber können die breiten, eisigen Flüsse zur tödlichen Gefahr werden. Wie ist die Lage momentan, wie viele Kälber ertrinken?

Sergey Verkhovec: Im Mai und Juni, wenn die Rentiere auf Wanderschaft gehen, konnten sie früher die Flüsse auf der Eisdecke überqueren. Seit einigen Jahren schmilzt das Eis aber schon vorher. Wie viele Kälber ertrinken, kann ich nicht sagen. Doch unsere Ranger haben in nur drei Wochen bis zu 40 junge Rentiere mit den Fluten kämpfen sehen – und sie teilweise aus dem Wasser gerettet.

Wie viele Ranger gibt es in Taimyr und wie sehen ihre Einsätze aus?

Wir haben heute sechs staatliche Ranger in Taimyr – noch im letzten Jahr war es nur einer! – und vier Kräfte im benachbarten Evenkiya. In kleinen Teams sind sie zwei bis drei Wochen am Stück im Einsatz. Denn allein der Weg dort hin kostet viel Zeit: Mit dem Flugzeug oder Hubschrauber fliegen sie in kleinere Siedlungen vor Ort, dann geht es weiter mit Motorbooten und Schneemobilen. Der Kampf gegen die Wilderei ist eine sehr schwierige und gefährliche Arbeit bei geringem Gehalt. Nun kommt noch das Sichern der Flüsse dazu.

Was muss getan werden, um den Rentieren das Überqueren der Flüsse zu erleichtern?

Auf ihren Wanderungen brauchen die Rentiere mit den Kälbern vor allem eins: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Wir müssen möglichst viele Herden mit Senderhalsbändern ausstatten. Dann kennen wir ihre Routen, können den Bootsverkehr stoppen und die Menschen vor Ort informieren. Wenn die Rentiere beim Schwimmen aus Angst umdrehen und mehrere Anläufe nehmen, kostet das lebensgefährlich viel Kraft. Und auch auf ihren langen Wanderwegen über Land brauchen sie Schutz und Schutzgebiete.

Wie erleben Sie den Klimawandel vor Ort?

Es gibt viele indirekte Hinweise wie stärkere Stürme und eine längere Vegetationszeit – immerhin zwei bis drei Wochen im letzten Jahrzehnt. Aber wir sehen auch ganz gravierende Veränderungen: Der Flusslauf ändert sich rasant, die Flussufer rutschen ab. Südliche Arten finden sich auf einmal im Norden. Die Wanderwege der Tiere ändern sich. Besonders dramatisch ist das besagte Auftauen der Flüsse kurz nach dem Kalben der Rentiere. Es ermöglicht außerdem den Wilderern, sich nun mit Booten auf dem Fluss zu bewegen.

Die Rentiere auf der Taimyr-Halbinsel sind eine der letzten großen, wilden Populationen. Sind sie noch zu retten?

Als globales Erbe müssen wir sie retten! Aber es gibt viel zu tun. Der Klimawandel wird die arktischen Ökosysteme massiv verändern und wir müssen – irgendwie – darauf vorbereitet sein. Wir brauchen mehr wissenschaftliche Untersuchungen und mehr Schutzgebiete. Außerdem müssen wir weiter gegen das große Problem der Wilderei angehen – durch mehr Schutz und Kontrolle, aber auch durch Bekämpfung der Armut. Wir müssen Entwicklungsarbeit leisten, die Bildung verbessern und für alternative Einkommen sorgen.

Was fehlt, um die Rentiere besser zu schützen?

Die Ranger sind unzureichend ausgerüstet und es fehlen Informationen über die Rentiere und ihre veränderten Migrationsrouten. Wir brauchen strengere Gesetze und moderne, innovative Technik zur Überwachung der Rentiere und für die Arbeit der Ranger.

Unterstütze jetzt Sergey und die Ranger in der Russischen Arktis. Hilf mit, das Überleben der wilden Rentiere zu sichern!

Unterstütze die Arbeit der Ranger in Russland und rette mit uns zusammen die Rentiere vor den Wilderern.

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