Dem Orang-Utan auf der Spur

Dewi Puspita Sari packt ihren Rucksack: Ein Fernglas, ein GPS-Gerät, eine Kamera, außerdem Stift, Notizbuch und neuerdings auch ein Smartphone – das alles braucht die Biologin vom WWF Indonesien, wenn sie in der Provinz West-Kalimantan auf der Insel Borneo Orang-Utans zählen geht. Die systematische Erfassung der Bestandszahlen, das sogenannte Monitoring, ist zeitintensiv und teuer. Um verlässliche Daten auch über einen längeren Zeitraum zu bekommen, müssen solche Zählungen jedoch regelmäßig durchgeführt werden. Die Zahlen sind wichtig, um die Bedrohung der Tiere, aber auch den Erfolg von Schutzmaßnahmen messbar und damit auch für Politik und Öffentlichkeit sichtbar zu machen.


Deshalb holt Dewi sich Hilfe aus den Dörfern. Gemeinsam mit den Dorfbewohnern läuft die 33-jährige nach einem ganz bestimmten System anhand virtuell festgelegter Linien durch den Wald und sucht nach Nestern, die die Orang-Utans sich abends zum Schlafen bauen. Dabei kann man schon mal einen steifen Nacken bekommen, denn Orang-Utans verbringen die meiste Zeit ihres Lebens hoch oben in den Baumkronen der Regenwälder Borneos und Sumatras. Dort oben schlafen und fressen sie, dort ziehen sie auch ihre Jungen auf. Meist bauen sie sich jeden Abend ein neues Schlafnest.

Orang-Utans als Plage

Bevor Dewi jedoch solche Zählungen mit Hilfe der Bevölkerung durchführen kann, ist wichtige Aufklärungs- und Schulungsarbeit nötig. Deshalb hat sie meist einen ganzen Stapel an Materialien dabei, wenn sie zum ersten Mal in ein Dorf kommt. Mit den Kindern malt sie Bilder und spielt Rollenspiele, den Erwachsenen zeigt sie Videos, erklärt ihnen, wie wichtig der Schutz der Orang-Utans ist. Das ist nicht selbstverständlich, denn bei der Landbevölkerung gelten die klugen Menschenaffen häufig als Plage. Nur 20 Prozent aller Orang-Utans auf Borneo leben in Schutzgebieten, die Mehrheit teilt sich ihren Lebensraum mit dem Menschen, ist mit industrieller Landwirtschaft, Straßen, Siedlungen und Jägern konfrontiert. Doch je enger ihr eigener Lebensraum unter anderem durch den Bau von Palmöl- und Akazienplantagen wird, umso öfter kommen sie auf Felder oder dringen in Gärten ein, wo sie die Früchte oder den Honig der Dorfbewohner fressen. Immer wieder kommt es vor, dass die Eigentümer dann aus Wut oder Rache auf die Orang-Utans schießen. Auch bei der traditionellen Jagd werden immer wieder Orang-Utans getötet, obwohl das streng verboten ist. „Unsere Gesellschaft hat eine Jagdtradition und diese Jagd findet im Lebensraum der Orang-Utans statt. Das Ziel der Jäger sind zwar eigentlich Wildschweine, aber wenn den Jägern ein Orang-Utan begegnet, werden sie auch auf ihn schießen,“ erläutert Dewi. Die Jäger machen sich damit zwar strafbar, solche Delikte werden jedoch nur selten oder mit viel zu geringen Strafen geahndet.

Dewis wichtigstes Werkzeug: Gute Argumente!

Überzeugungsarbeit gehört daher zu den wichtigsten Werkzeugen beim Orang-Utan Schutz. Kann Dewi die Menschen in einem Dorf überzeugen, hat sie viel Unterstützung gewonnen: Bei den Zählungen im Regenwald, beim Kampf gegen Wilderer und bei der Suche nach Orang-Utans, die als Haustiere gehalten werden. Dewis Ziel ist, Kindern und Erwachsenen die Bedeutung zu vermitteln, die ein intakter Regenwald auch für die Bevölkerung hat. Und dass der Schutz der Orang-Utans auch alternative Einkommensquellen schaffen kann, zum Beispiel durch Ökotourismus, bei der Arbeit als Wildhüter oder auch durch die Teilnahme an Zählungen. Wie erfolgreich Aufklärungsarbeit sein kann, zeigt das Beispiel im Labian-Leboyan-Schutzkorridor im Herzen Borneos. Dort wurde nach einer Aufklärungskampagne festgestellt, dass die Dorfbewohner begannen, verletzte Jungtiere zu retten oder Menschen anzuzeigen, die sich Orang-Utans als Haustiere hielten. Solche Erfolge sind für Dewi und ihre Kollegen eine ungeheure Motivation: „Wir dokumentieren auch, wie Menschen, die Orang-Utans früher als Plage ansahen, ihre Haltung ändern, und sie nun als Touristenattraktion wahrnehmen, die es zu schützen gilt.“ Durch die Dokumentation werden diese Erfolge messbar und zu einem wichtigen politischen Instrument bei Verhandlungen über Schutzmaßnahmen mit Unternehmern, Politikern, Gemeinden und anderen Interessengruppen.

Einsatz für die Orang-Utans

Dewi selbst entdeckte 2008 ihre Liebe zu den orange-farbenen Waldmenschen. Als Studentin nahm sie an einem Training verschiedener NGOs teil, darunter auch der WWF Indonesien. Hier lernte sie, wie man Daten für Studien sammelt und aufbereitet, und sie entwickelte ihre Leidenschaft für die Orang-Utans. Seit 2010 ist sie festes Mitglied im Team des WWF Indonesien. Auch wenn es mühsam sein kann, Menschen zu überzeugen oder mit vollbeladenem Rucksack und steifem Hals durch den Regenwald zu stapfen, zieht Dewi viel Motivation aus ihrer Arbeit. „Ich bin überwältigt, wenn ich wilde Orang-Utans in der Natur erlebe. Und ich bin glücklich, wenn ich die Menschen aus den umliegenden Gemeinden für den Schutz der Tiere und ihres Lebensraums gewinnen kann.

Unterstütze Dewi und die lokale Bevölkerung beim Schutz der Orang-Utans!

„Wenn wir jetzt nicht handeln, werden nur wenige Orang-Utans überleben.“
Interview mit Albertus Tjiu, dem WWF-Programmleiter West-Kalimantan

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